Ein System, das Millionen Jahre alt ist
Stellen Sie sich eine Alarmanlage vor, die nicht nur bei Einbrechern losgeht, sondern auch bei der Katze, beim Wind und beim eigenen Schatten. So ist Angst gebaut: Sie ist auf Fehlalarme eingestellt, weil es in der Wildnis teurer war, eine echte Gefahr zu übersehen, als sich hundertmal umsonst zu erschrecken. Dieses System haben wir mit dem Rest des Körpers geerbt. Es ist nicht kaputt. Es ist nur zu fleißig.
Wenn das Gehirn entscheidet, dass Gefahr droht, fragt es Sie nicht. Innerhalb von Sekundenbruchteilen werden Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet, das Herz schlägt schneller, die Atmung wird flach, die Muskeln spannen sich an, das Blut zieht sich aus den Fingern in die großen Muskeln zurück. All das ist Vorbereitung auf Flucht oder Kampf. Das Problem: Es gibt niemanden, vor dem man fliehen könnte. Sie sitzen in einer Besprechung oder stehen in der Schlange.
Warum „beruhig dich“ es schlimmer macht
Wer „beruhig dich doch“ sagt, spricht einen Teil des Gehirns an, der in diesem Moment fast abgeschaltet ist. Logik arbeitet langsam, Angst arbeitet schnell. Außerdem wird der Versuch, das Gefühl zu unterdrücken, selbst zum Signal: Wenn ich das so dringend stoppen will, muss es wirklich gefährlich sein. So entsteht die zweite Schleife, die Angst vor der Angst, die Furcht vor der Furcht. Genau sie macht aus einer unangenehmen Welle eine Panikattacke.
Eine Panikattacke ist nicht das, was der Körper Ihnen antut. Sie ist das, was der Körper für Sie tut, nachdem er sich verrechnet hat.
Was während einer Panikattacke passiert
Der Höhepunkt einer Panikattacke dauert in der Regel wenige Minuten. Länger kann der Organismus diese Intensität physiologisch nicht halten: Der Adrenalinvorrat ist aufgebraucht, und die Welle ebbt ab, auch wenn Sie nichts tun. Das ist wichtig zu wissen: Sie hört von selbst auf.
Schwindel, taube Finger, das Gefühl der Unwirklichkeit, Druck in der Brust sind erschreckend, aber sie sind Folgen der schnellen Atmung und des Adrenalins, kein Zeichen für einen Herzinfarkt oder dafür, „verrückt zu werden“. Wenn diese Symptome zum ersten Mal auftreten, lohnt es sich, sie einmal ärztlich abklären zu lassen, um später nicht mehr daran zu zweifeln.
Was wirklich hilft
Erstens: kein Kampf, sondern Erlaubnis. Es klingt paradox, aber eine Welle, der man keinen Widerstand leistet, ebbt schneller ab. Zweitens: das Ausatmen. Ein langes, langsames Ausatmen aktiviert den Teil des Nervensystems, der für Beruhigung zuständig ist; einatmen geht von allein, langsam ausatmen muss man bewusst. Drittens: die Aufmerksamkeit nach außen holen. Fünf Dinge, die Sie sehen, drei Geräusche, die Sie hören. Nicht, um sich „abzulenken“, sondern um dem Gehirn Beweise zu liefern, dass der Raum sicher ist.
Und viertens, das Wichtigste: nicht vermeiden. Jedes Mal, wenn wir einen Ort oder eine Situation umgehen, in der es Angst gab, notiert das Gehirn: Dort war es wirklich gefährlich, gut, dass wir weg sind. So wächst die Angst. In der Therapie machen wir das Gegenteil: Schritt für Schritt, in einem sicheren Tempo, gehen wir dorthin zurück, wo es Angst macht, und geben dem Gehirn die Chance, diesen Schluss zu überschreiben. Das ist der am besten untersuchte Weg, Panikattacken zu verringern, und er funktioniert auch dann, wenn man schon nicht mehr daran glaubt.
Eine Übung für neunzig Sekunden
- Setzen Sie sich oder lehnen Sie sich an etwas. Spüren Sie, wo der Körper die Stütze berührt.
- Atmen Sie lang aus, als würden Sie eine Kerze aus der Ferne ausblasen, sechs bis sieben Sekunden. Einatmen ganz normal. Vier Wiederholungen.
- Benennen Sie in Gedanken fünf Dinge, die Sie sehen, und drei Geräusche, die Sie hören.
- Sagen Sie sich: „Das ist eine Welle. Sie ebbt schon ab.“ Streiten Sie nicht mit der Angst, warten Sie einfach.
Wenn Panikattacken wiederkehren oder Sie begonnen haben, Orte und Situationen deswegen zu meiden, ist das ein Grund, sich Hilfe zu holen. Mit solchen Anliegen arbeiten wir am häufigsten, und für spürbare Veränderungen reichen meist acht bis zwölf Sitzungen.










